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5. Das soziale Paradox des Usenet



Als Netzwerk verbindet das Usenet Menschen weltweit ohne Ansehen der Person; es eliminiert vordergründig die Vorurteile, die im direkten Umgang das Verhalten beeinflussen, weil sie auf der Basis der Texte nicht transportiert werden können. Hautfarbe und Geschlecht, Aussehen und Kleidung sind nicht an der Mitteilung ablesbar. Ein Artikel aus Norwegen gilt nicht mehr als einer aus dem Iran. In beiden Fällen ist Englisch nicht die Muttersprache, daher ergibt sich für die Norwegerin und den Iraner das gleiche Handicap. Das Usenet ermöglicht auf diese Weise eine Auseinandersetzung, die sich auf die Sache beschränken könnte. Die Teilnehmer einer Nachrichtengruppe werden zu einem kommunikativen Zirkel zusammengeschlossen, in dem äußerliche Unterschiede nivelliert werden. Das soziale Geschehen wird damit nur zum Teil beschrieben: Hinzu kommt, daß die Teilnehmer trotz bestehender Unterschiede Andere als Diskussionspartner annehmen und sie damit als gleichberechtigt anerkennen. Der Meinungsstreit setzt, so gesehen, die Teilnehmer zueinander in Beziehung und sorgt, so ließe sich mit Simmel argumentieren (146), für ihre Vergesellschaftung.

Die Vergesellschaftung sollte nicht als eine Tendenz zur Harmonisierung (147) mißverstanden werden. Zurecht stellt der Ansatz des sozialen Paradox' der Technik der Vereinheitlichung die gleichzeitig auftretende Konsequenz des Partikularen zur Seite. Diese Behauptung soll im Folgenden untermauert werden. Als Ausgangspunkt eignet sich dafür die Auffassung, das Usenet stelle eine Form der Demokratie dar. Grundsätzlich läßt sich dagegen einwenden, daß Demokratie eine formalisierte Art der Entscheidungsfindung bezeichnet. Als ein Medium kann das Usenet dann schwerlich Demokratie repräsentieren. Auch bei näherer Betrachtung dieser Charakterisierung zeigt sich, daß sie nicht unproblematisch ist. Trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten soll diese Ansicht erörtert werden, weil sie verschiedene Anknüpfungspunkte bietet. Von Interesse ist dabei zum einen die implizite Annahme, daß die Teilnehmer im Usenet durch die Technik egalisiert werden. Zum anderen ergeben sich bei einer näheren Betrachtung von Meinungs- und Informationsfreiheit aus der Eigentümlichkeit des Usenet einige bemerkenswerte Schwierigkeiten. Abschließend soll gezeigt werden, daß für die Verbindung von Usenet und Demokratie nicht nur voreilig falsche Voraussetzungen angenommen werden, sondern die Praxis konkrete Zweifel an der Verbindung nährt.

,,In its simplest form, Usenet represents democracy,``(148) behaupten die Haubens und gehen noch weiter: ,,The development of the Internet and of Usenet is an investment in a strong force towards making direct democracy a reality. These new technologies present the chance to overcome the obstacles preventing the implementation of direct democracy.``(149) Das Usenet solle die Hindernisse, die einer direkten Demokratie im Wege stehen, beseitigen, indem es öffentliche Foren bereitstellt. Die Technik erlaube es, daß die Bürger sich zu von ihnen bestimmten Zeiten und Orten an den Diskussionen beteiligen können. Dieser Vorstellung zufolge ist nicht nur das Usenet als demokratisch anzusehen, sondern es eignet sich auch dazu, Demokratie als Regierungsform zu fördern.

Die Einschätzung des Usenet als demokratisch wirkt eher oberflächlich. Die Belege für dieses Urteil sollen an drei Punkten, der Organisation, der Administration, und dem Verhältnis von Sender und Empfänger, skizziert werden. Auf der organisatorischen Ebene entscheiden die Systemverwalter über Bereitstellung und Weiterleitung von Nachrichtengruppen: Die einzelnen Knoten des Netzwerks unterliegen keiner demokratischen Kontrolle. Im Gegensatz zu anderen Medien erstreckt sich jedoch die Möglichkeit zur Kontrolle nur auf die einzelnen Knoten und nicht auf das gesamte Kommunikationsnetz. Damit ergeben sich Freiräume für Sender und Empfänger. Sollte der Versand und Empfang bestimmter Inhalte an einem Knoten unerwünscht sein, können Sender und Empfänger auf andere Knoten ausweichen.

Auf der administrativen Ebene werden Entscheidungen über Einrichtung und Abschaffung von Nachrichtengruppen durch Wahlen gefällt. Das Mehrheitsprinzip, das hier zur Anwendung kommt, hat allerdings schon in verschiedenen Fällen dazu geführt, daß Wahlen für Nachrichtengruppen, die z.B. ethnischen Minderheiten dienen sollten, von einer Mehrheit torpediert wurden. Hinzu kommt, daß die Beteiligung an Wahlen nicht effektiv kontrolliert und die Stimmabgabe daher manipuliert werden kann. Bei der Abstimmung über die Einrichtung der Nachrichtengruppe rec.music.white-power traten Unregelmäßigkeiten auf. Die Nachrichtengruppe sollte als Forum für die Anhänger rechtsradikaler Musik dienen. Zur Abstimmung wurden regelrechte Kampagnen quer über das Netz sowohl für als auch gegen die Nachrichtengruppe geführt. Das Ergebnis mit 592 Ja- und 33033 Nein-Stimmen bei 17 Enthaltungen und 6252 ungültigen Stimmen konnte nur verspätet bekannt gegeben werden, weil der Wahlleiter sich nicht nur verschiedenen Attacken ausgesetzt sah, sondern auch massive Fälschungen bei der Stimmauszählung zu berücksichtigen hatte.(150)

Auf der rein technischen Ebene egalisiert das Usenet Sender und Empfänger: Die gleiche Software, die dazu dient, Mitteilungen zu lesen, erlaubt es, Artikel zu senden. Damit evoziert das Usenet Brechts Radiotheorie: ,,Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.``(151) Die Gleichstellung von Sendern und Empfängern wird dadurch möglich, daß Anschaffung und Betrieb eines Sendegeräts keine weiteren Kosten verursacht, da Sender und Empfänger in eins fallen.

Das Usenet kann demnach nicht als demokratisch eingestuft werden. Auf der organisatorischen Ebene sind die Benutzer der Willkür der jeweiligen Systemverwalter ausgesetzt. Die Administration kann nur in quasi-demokratischen Bahnen erfolgen, weil die Stimmabgabe Raum läßt für Manipulationen. Einzig die Gleichstellung von Sendern und Empfängern ließe die Einschätzung gerechtfertigt erscheinen. Die Behauptung, das Usenet repräsentiere Demokratie, kann somit als widerlegt gelten, zumal die Gleichstellung von Sendern und Empfängern, wie sich zeigen wird, nur theoretischer Natur ist.

Wesentlich im Sinne des Ansatzes des sozialen Paradox' der Technik erscheint bei der Verknüpfung von Usenet und Demokratie der Umstand, daß Usenet-Teilnehmer zu einer Körperschaft zusammengefaßt werden. Innerhalb dieser Körperschaft sollten ihnen analog zum demokratischen Gemeinwesen die gleichen Freiräume offenstehen, ihre Stimmen gleich gewertet und Sender und Empfänger einander gleichberechtigt gegenüberstehen. In diesem Sinne wirkte das Usenet als eine vereinheitlichende Technik. Wird dieser frohen Hoffnung die Aussicht auf partikulare Entwicklungen entgegengehalten, steht zu erwarten, daß nicht allen Benutzern die gleichen Freiräume offenstehen, daß nicht alle Stimmen das gleiche Gewicht haben und daß das Verhältnis von Sendern und Empfängern in eine Schieflage gerät.

Inwieweit Freiräume genutzt werden, um lokale Einschränkungen zu umgehen, kann der Stichprobe nicht entnommen werden, weil sie keine Klagen über unzugängliche Quellen enthält. Voraussetzung für die Nutzung von Freiräumen ist das Wissen um ihre Existenz. Das gleiche gilt für die administrativen Regeln des Usenet. So war in alt.vampyres zwar bekannt, daß eine Nachrichtengruppe neu eingerichtet bzw. ihr Status geändert werden kann, aber die Verfahrensregeln waren unbekannt. Da die Sozialisationsinstanzen, die für eine Verbreitung der Regeln sorgen sollen, nur unzuverlässig funktionieren, läßt sich die Menge der Benutzer entlang ihres Wissens um die administrativen Regeln zweiteilen. Diese Aufteilung korrespondiert mit den Hierarchien des Usenet, deren Zentrum die news-Hierarchie bildet, und sie setzt sich darin fort, daß genau diese Sichtweise eines Zentrums nicht geteilt wird.

Die theoretische Gleichheit der Teilnehmer im Usenet wird nicht nur im Fall des Unwissens um administrative Regeln konterkariert: Auch Sender und Empfänger können in ein Ungleichgewicht geraten. Der Artikel, mit dem die Diskussion um ,,Frauen im Islam`` begann, erschien gleichzeitig in mehreren Nachrichtengruppen. Anstatt die anschließende Debatte zu kanalisieren und auf ein Forum zu beschränken, wie es mit der Zeile ,,Followup-To:`` im Kopf der Mitteilung möglich gewesen wäre, wurde sie gleichzeitig in mehreren Nachrichtengruppen geführt. Dem Veröffentlichenden kann dabei keine Böswilligkeit unterstellt werden, aber grundsätzlich zeigt sich daran, daß ein einzelner Sender über die Kopplung verschiedener Nachrichtengruppen die Kanäle beeinflussen kann. Hätte der Tierschützer in alt.culture.bullfight seine Vorwürfe gleichzeitig in der Nachrichtengruppe talk.politics.animals, in der es um Tierrechte geht, veröffentlicht, wäre die Funktion von alt.culture.bullfight als Forum des Informationsaustausches stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Foren können aber auch gezielt beeinträchtigt werden: Im Zeitraum der Stichprobenerhebung war die Nachrichtengruppe alt.religion.scientology im Rahmen der Auseinandersetzung um die Scientology-Sekte Ziel einer Störungsaktion. Das Forum wurde vorübergehend dadurch unbrauchbar gemacht, daß dort eine Unzahl sinnloser Artikel veröffentlicht wurde; das heißt, das Rauschen im Kanal wurde so erhöht, daß auch über den Einsatz des zweiten Diskurses - des Fehlerprotokolls - der Signal-Rausch-Abstand nicht verbessert werden konnte. Sender und Empfänger geraten in solchen Fällen jeweils in ein Ungleichgewicht, weil die Sender entweder Artikel mengenweise provozieren oder aber selbst für ein hohes Artikelaufkommen sorgen. Die Empfänger können nur reagieren, indem sie entweder ihre Filter anpassen oder die betreffende Nachrichtengruppe für die Dauer der Störung nicht lesen. Der Gedanke eines demokratischen Gemeinwesens, dessen Mitglieder einander gleichberechtigt gegenübertreten, erweist sich somit mehr als frommer Wunsch denn als eine Tatsache.

Der Hoffnung, daß sich über ein Medium in den Händen seiner Benutzer positive Folgen für die Gesellschaft ergeben, hat Enzensberger Ausdruck gegeben, als er Brechts utopische Radiotheorie 38 Jahre später wieder auf- und die Behauptung der Haubens vorwegnahm. Er betonte die emanzipatorischen Möglichkeiten von ,,netzartigen Kommunikationsmodellen``, z.B. ,,eine Massenzeitung, die von ihren Lesern geschrieben [...] wird.``(152) Die sowohl in Enzensbergers Gedankenspiel wie im Usenet gegebene uneingeschränkte Möglichkeit der Veröffentlichung kann als Stärkung der Meinungsfreiheit aufgefaßt werden. Gerade das unbeschränkte Publizieren wird jedoch als regulierungsbedürftig angesehen. Im Rahmen der Deregulierung des US-amerikanischen Telekommunikationsmarktes wurde der Communications Decency Act verabschiedet, der die im Netz verwendete Sprache den gleichen Maßstäben unterwerfen wollte, wie sie für Rundfunk- und Fernsehsendungen in den USA gelten. Wäre der Communications Decency Act Gesetz geworden, hätte sich in den USA das gleiche Problem ergeben, das schon in Deutschland existiert: Demokratisch legitimierte Regelungen ließen sich nicht durchsetzen. Ein prominentes Beispiel bildet der 194 des Strafgesetzbuches, der die ,,Auschwitzlüge`` unter Strafe stellt. Über anonyme Remailer und Usenet lassen sich strafwürdige Darstellungen veröffentlichen, ohne daß dem Gesetz Geltung verschafft werden könnte, weil die Spur nicht zu den Tätern zurückverfolgt werden kann. Hinzu kommt, daß es in anderen Ländern in der Regel nicht strafbar ist, die Judenverfolgung im Dritten Reich zu leugnen. So erscheinen allein durch die weltweite Vernetzung im Usenet auch Texte, deren Inhalte nach deutschem Recht strafbar sind; deren Autoren sind jedoch dem Zugriff deutscher Behörden entzogen.

Ein diametral entgegengesetztes Verständnis, daß sich die Gesellschaft negativ auf das Netz auswirkt, wurde von Barlow in der Unabhängigkeitserklärung für den Cyberspace präsentiert: ,,Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.``(153) Die Erklärung erschien im Rahmen der Diskussion um den Communications Decency Act. Bemerkenswert ist, daß hier eine Abgrenzung nicht nur behauptet, sondern als bereits vollzogen präsentiert wird: Regierungen gehören der Vergangenheit an, und mit einer neuen Heimat für den Geist hat die Zukunft bereits begonnen. Allerdings haben sich die Erwartungen Barlows, die Bewohner des Cyberspace möchten sich tatsächlich von ihren Regierungen lossagen, bislang insofern nicht erfüllt, als die Auseinandersetzung um den Communications Decency Act in den normalen gerichtlichen Bahnen verlief. Aber die Erklärung bringt das Problem der Durchsetzbarkeit von Regeln auf den Punkt. So pathetisch grotesk die Wortwahl schillern mag, die Trennung von Fleisch und Geist ist hier korrekt, weil die Technik es erlaubt, den Zusammenhang von einer Person und ihrer Äußerung aufzulösen. Damit tritt das vertraute soziale Muster, Fehlverhalten mit negativen Sanktionen begegnen zu können, außer Kraft. Meinungsfreiheit scheint demzufolge durch die Technik in einer Weise gestärkt zu werden, die jede Schranke beseitigt.

Aus dem Blickwinkel der Informationsfreiheit fördert die Möglichkeit zur uneingeschränkten Veröffentlichung neben der Stärkung der individuellen Position ein zweites Moment zutage. Das Spektrum der Standpunkte wird begleitet von einem qualitativen Spektrum: Die Art des Umgangs mit Informationen bestimmen die einzelnen Sender; ihnen bleibt die Wertung überlassen, was als Information gilt und wie diese präsentiert wird. In sci.anthropology erschienen Artikel, die benutzt werden konnten, Trolling, die bewußte Verbreitung von Fehlinformationen, zu veranschaulichen. Ein anderer Umgang mit Informationen, nämlich deren interessengeleitete Darstellung, zeigte sich ebenfalls in dieser Nachrichtengruppe: Ein Zitat, das den Zweifel Darwins an seiner eigenen Theorie belegen sollte, wurde aus dem Zusammenhang gerissen. In soc.culture.egyptian wurde der Islam mit der rituellen Beschneidung von Frauen in Zusammenhang gebracht (sce/641), und in alt.vampyres wurde Vampirismus als mögliche Todesursache in verschiedenen mysteriösen Fällen diskutiert (av/1164). Alle genannten Beispiele lassen sich als Fälle von Desinformation klassifizieren. Es handelt sich um falsche und verzerrende Darstellungen oder schlicht um die Wiedergabe eines Gerüchts: ,,I've only heard the story second-hand [...] so the information that I've received is sketchy at best`` (av/1164).

Diese Beschreibung wäre unvollständig, wenn nicht sofort darauf hingewiesen würde, daß keines der Beispiele unwidersprochen oder unhinterfragt geblieben ist: Der Nachweis des unvollständigen Darwin-Zitats wurde erbracht, die Verknüpfung von Islam und atavistischen Riten aufgelöst. Die Empfänger stehen damit einer Vielzahl sich widersprechender Mitteilungen gegenüber. Der Wahrheitsgehalt einer Information kann nicht in jedem Fall beurteilt oder überprüft werden. Es ist daher denkbar, daß die Beurteilung einer Information auf Grund widersprüchlicher Behauptungen beständig zwischen wahr und falsch oszilliert. Das Phänomen ist nicht neu; in jeder Diskussion spielt auch die Bewertung von Informationen eine Rolle. In puncto Usenet gesellt sich jedoch zur Unüberschaubarkeit der Menge die Unkenntnis über die Sender und das stets gleiche Gewand der Artikel. Kontextbestimmte Merkmale, die sonst zur Bewertung von Information herangezogen werden können, entfallen. Dadurch erhält das Phänomen eine Qualität, die berücksichtigt werden muß, und deshalb kann der vielfach propagierte ,,free flow of information`` genausogut als ein Strom der Desinformation bezeichnet werden.

Der freie Fluß der Information gelangt durch die Kanalisierung zudem in unerwartete Bahnen, denn im Fall der Kanalisierung bildet das Usenet das soziale Paradox der Technik ab. Die gegenläufige Bewegung von vereinheitlichender Technik und partikularem Interesse wird deutlich, wenn die Menge der Artikel in einem Kanal ein handhabbares Maß überschreitet: Themen werden abgespalten und in einer eigenen Nachrichtengruppe behandelt. Ein ganzes Patchwork von Themen wurde mit der Nachrichtengruppe zu Ägyptens Gesellschaft, Kultur, Erbe usw. zusammengefaßt. Mit dem Vorschlag der Einrichtung einer neuen Nachrichtengruppe für ägyptologische Themen zeigt sich das Bemühen, einzelne Themen aus diesem Knäuel herauszulösen. Foren können, so scheint es, an ihrer Beliebtheit scheitern: Je mehr Artikel sie anziehen, desto eher tritt der Zwang ein, sie zu verändern. Wird diese Vorstellung weitergesponnen, kann sich eine extreme Spezialisierung ergeben. In einigen Fällen ist diese Entwicklung bereits eingetreten. Die Nachrichtengruppe rec.arts.books zum Thema Bücher wird begleitet von einer eigenen Hierarchie unter alt.books, in der Nachrichtengruppen zu einzelnen Autoren geführt werden. Ein anderes Beispiel bietet die Hierarchie comp.infosystems.www, die den verschiedenen Aspekten des World Wide Web gewidmet ist und selber in drei Nachrichtengruppen und drei weitere Hierarchien unterteilt ist. Ein Thema kann auf diese Weise bis zur Unkenntlichkeit zerfasert werden. Der ursprüngliche Nutzen themenorientierter Kanäle schwindet mit zunehmender Zersplitterung, da der Zusammenhang für die Diskussion verlorengeht.

Neben der Anpassung der Kanäle an die steigende Artikelflut weichen Benutzer auf andere Medien aus. Ein Artikel tat Nachrichtengruppen implizit als irrelevant und nicht zweckdienlich ab. Statt dessen wurde das Ausweichen auf Mailing-Listen propagiert (sce/201). Mit dem Schritt aus dem öffentlichen Forum einer Nachrichtengruppe hinaus ergeben sich verschiedene Konsequenzen. Zum einen schwingt in dem Artikel die Hoffnung mit, daß eine Mailing-Liste die Empfänger nicht dem Dauerfeuer themenfremder Mitteilungen aussetzt. Das heißt, das eigene Bemühen um eine Ordnung, wie sie in der Erstellung und Benutzung von Filtern gesehen werden kann, wird abgelöst durch einen sozialen Filter; denn einerseits muß diese Hoffnung sich auf die Administrierbarkeit von Mailing-Listen gründen und andererseits auf ihre geringere Verbreitung bauen. Der Rückzug aus öffentlichen Foren in quasi-öffentliche Mailing-Listen kann zum anderen auch die Bildung von Zirkeln begünstigen. Mailing-Listen lassen sich zwar im Vergleich zu Nachrichtengruppen als sachgerechter und themennäher charakterisieren, aber sie begrenzen die Reichweite des Informationsflusses auf die in der Regel überschaubare Teilnehmerzahl. Zudem verfügen Mailing-Listen über verschiedene Konfigurations- und Kontrollmöglichkeiten, mit denen sich das Erscheinungsbild einer Liste beeinflussen läßt. Die sich damit einstellende homogenisierende Tendenz von Mailing-Listen kann sogar genutzt werden, weltanschauliche Geschlossenheit herzustellen.

Es läßt sich festhalten, daß die Behauptung, das Usenet repräsentiere Demokratie, als verwegen eingestuft werden muß. Sie ist schon aus den hier nur angerissenen Kritikpunkten der Organisation, der Administration und dem Verhältnis von Sender und Empfänger unhaltbar. Dagegen beruht die These, das Usenet stärke die Demokratie, auf einer Verwechslung. Nicht die Regierungsform wird unterstützt, sondern die Position des Individuums: Das Individuum erhält nicht nur die Möglichkeit, den Diskurs in einem Kanal despotisch zu beeinträchtigen, sondern es kann auch gegen einen demokratisch legitimierten Konsens der Gesellschaft verstoßen. Ohne Frage konterkariert das Usenet mit der Eröffnung dieser Möglichkeiten die Kontrollbemühungen in autoritären Staaten, aber daraus läßt sich eben nicht ableiten, das Netzwerk fördere die Demokratie. Aus dem Blickwinkel der Informationsfreiheit läßt sich das Bild noch ergänzen. Zwar macht das Usenet Informationen allen zugänglich, aber schon in dem Bestreben, zumindest im Ansatz eine Orientierung, z.B. über die Kanalisierung von Themen, zu bieten, werden Informationen ihres Zusammenhangs beraubt. Dem Zwiespalt von Menge und Gehalt durch einen Rückzug auf bestimmte Zirkel zu entgehen, stellt keine Lösung dar, wenn demokratische Ansprüche an das Usenet gestellt werden.

Auf Basis der Usenet-Technik wurde im März 1997 die Hierarchie ,,gov`` eingerichtet. Unter diese Hierarchie fallen etwa 200 Nachrichtengruppen, die der Verbreitung und Diskussion politischer Entscheidungen auf allen Ebenen dienen sollen. Das GovNews-Projekt ist gedacht ,,to stimulate open electronic access to public government information and electronic ,open democracy` by improving information access.``(154) GovNews wurde vorerst für US-amerikanische Belange eingerichtet, soll jedoch für andere Staaten beispielhaft sein. Die Einrichtung der Hierarchie zeigt, daß die Verknüpfung von Usenet und Demokratie Wurzeln geschlagen hat. Für ein Urteil, ob das GovNews-Projekt nur Portokosten spart, weil Formulare nun elektronisch verbreitet werden können, oder ob es tatsächlich Regierungspolitik transparenter macht, ist es noch zu früh. Bemerkenswert dürfte jedoch sein, daß fast alle Nachrichtengruppen der Hierarchie moderiert werden (155), das heißt, jeder Artikel, der für ein Forum gedacht ist, geht erst mittels elektronischer Post an einen Moderator, der den Artikel prüft und anschließend veröffentlicht. Damit ergibt sich die Möglichkeit, Meinungsfreiheit, die in den nicht-moderierten Foren des Usenet ausufern kann, empfindlich zu beschneiden. Anstelle eines Urteils steht der vorsichtige Schluß, daß nicht nur theoretische Erwägungen, sondern auch die praktische Umsetzung die Verbindung von Usenet und Demokratie als problematisch erscheinen lassen.

Die Bedenken können noch erweitert werden. Oben diente die Abstimmung zur Einrichtung der Nachrichtengruppe rec.music.white-power als Beispiel für die Unregelmäßigkeiten bei Wahlen im Usenet. Aus einer anderen Perspektive betrachtet, stellen sich bei dieser Abstimmung Zweifel an der Demokratiefähigkeit der Usenet-Teilnehmer ein. Insgesamt 39894 gezählte Stimmabgaben erwecken den Eindruck einer Massenhysterie, die sich an einem eigentlich nichtigen Anlaß entzündet und auf einem Mißverständnis des Usenet beruht. Es handelt sich um ein Mißverständnis, weil die Ablehnung der Einrichtung eines Kanals nicht die Diskussion, der er dienen soll, unterbinden kann, und der Anlaß ist nichtig, weil die Abstimmung nur für einen bestimmten Bereich wirksam ist: den ,,offiziellen`` Teil des Usenet. Folgerichtig wurde das Forum unterhalb der alt-Hierarchie eingerichtet. Zweifel an der Demokratiefähigkeit stellen sich schließlich ein, weil die Abstimmung auch ein Licht auf den Umgang mit Minderheiten wirft. Minderheitenschutz gewährt das Usenet offensichtlich nur durch die technische Unmöglichkeit, Meinungen zu unterdrücken. Demgegenüber wirkt die lawinenhafte Reaktion auf den Vorschlag, eine Nachrichtengruppe einzurichten erschreckend, weil sie unkontrolliert erscheint und nur ansatzweise an administrative Vorgaben gebunden ist. Die alte Tugend, die Hand herzugeben, damit jemand, der anderer Meinung ist, sie auch äußern kann, scheint - angesichts solcher Reaktionen - im Usenet keine Heimat zu haben.(156)

Die Abwägung der praktischen Umsetzung demokratischer Bestrebungen verstärkt die Zweifel, die sich aus einer eher theoretischen Perspektive ergeben. Dem Problem der unbehinderten Veröffentlichung wird im GovNews-Projekt durch Moderation der Nachrichtengruppen begegnet. Zudem soll das Ziel einer elektronischen Demokratie nur durch den Zugang zu Informationen gefördert werden und nicht auch dadurch, daß sie - wie im Usenet - bereitgestellt werden können. Das Usenet könnte, wie das Beispiel GovNews zeigt, von einem interaktiven Medium zu einem quasi-interaktiven umgestaltet werden. Angesichts der Vorkommmnisse bei der Wahl zu rec.music.white-power könnten solche Tendenzen als Reaktion auf den ,,Krieg aller gegen aller`` interpretiert werden. Der ,,Leviathan, dem die Machtwünsche aller Individuen übertragen werden``(157), würde das Chaos im Usenet bzw. im Internet ablösen. Die Analogie zu Hobbes übersieht, daß einem Leviathan im Usenet die Mittel fehlten, sich durchzusetzen. Genausowenig wie eine Mehrheit eine Minderheit zum Schweigen bringen kann, wäre es einer solchen quasi-staatlichen Einheit möglich, z.B. für den Schutz von Minderheiten zu sorgen. Daraus ergibt sich auch, daß die Diskussion um Usenet und Demokratie als wenig fruchtbar eingeordnet werden muß.

Für das soziale Paradox der Technik hingegen kann festgehalten werden, daß das Usenet den Ansatz perfekt illustriert. Das Gedankenspiel von Usenet und Demokratie ist zwar nicht durchzuhalten, aber die Rede von der ,,Usenet Community``(158) hat zumindest darin Recht, daß die Teilnehmer in Beziehung gesetzt werden. Eine Vereinheitlichung scheint somit denkbar und anhand der Einförmigkeit der Artikel auch belegbar. Offensichtlich wirkt die Technik jedoch in einer Weise nivellierend beziehungsweise harmonisierend, die sich darin erschöpft, allen Teilnehmern die gleichen Beschränkungen aufzuerlegen. Ganz im Gegenteil dazu eröffnet sie Konsens und Dissens den gleichen Raum. Die Technik ermöglicht dabei nicht nur eine Tendenz zum Partikularen, sondern garantiert sie auch. Die Behauptung ,,die Welt wird kleiner, sie wird auch immer voller, sie wird nicht nur einheitlicher, sie wird auch immer bunter,``(159) scheint demnach auf das Usenet gemünzt. Es rückt die Welt zusammen, indem es die Diskussion der Stierkampfliebhaber neben die der Vampirfans stellt. Zugleich wächst die Zahl der Nachrichtengruppen stetig und schafft eine einheitliche Plattform für den Meinungsaustausch. Damit wird einem Spektrum von Ansichten, Meinungen, Weis- und Dummheiten Platz geschaffen, das die herkömmliche mediale Vielfalt als geordnet erscheinen läßt.


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